Schreiendes Kind

Ich erziehe mir meine Kinder in dieser Welt, wie es mir gefällt. Nicht.

Jetzt gibt’s Butter bei die Fische, wie der Norddeutsche zu sagen pflegt. Das Filetstück des Elterndaseins, die Champions League der Soziologie. Und der Philosophie. Und überhaupt. Jean-Jacques Rousseau, seines Zeichens bedeutender Pädagoge, Schriftsteller und Philosoph des 18. Jahrhunderts, prägte folgenden Satz:

„Kindererziehung ist ein Beruf, wo man Zeit zu verlieren verstehen muß, um Zeit zu gewinnen.“

Bähm!! Watt?? Wollen wir die Kuh mal von hinten aufzäumen: Wohl kaum ein Thema wird in der Gesellschaft und besonders innerhalb der eigenen Familie so kontrovers und emotional diskutiert wie das der Kindererziehung. Dabei stoßen oft völlig konträre Ansichten aufeinander, auf welche Weise man die kleinen und großen Rotznasen denn nun bestmöglich und mit geringstem nervlichen Verschleiß beim Großwerden unterstützt, wie man sie fördern aber auch fordern solle.

Um es kurz zu machen, und ich weiß, damit verabschieden sich nun 95% aller Leser: Das Patentrezept, der allwissende Erziehungs-Baukasten, der Heilige Gral der Pädagogik, nach dem viele Eltern händeringend suchen, das und den gibt es leider nicht. Das wäre auch viel zu einfach, mal ehrlich, wo bliebe denn da der ganze Spaß?!

Wissen ist Macht, nichts wissen macht aber auch nix

Als ich mich vor einigen Jahren selbst das erste Mal mit dem Thema Kindeserziehung (und dann auch gleich noch mit den eigenen Blagen) auseinandersetzen musste, stand auch ich zuerst mal da wie der Prophet vorm Berg. Ist wie das erste Mal am Steuer eines Autos, wie das erste Mal auf Spanisch ein Bier zu bestellen, ohne Spanisch sprechen zu können  (irgendwas mit Service oder so habe ich mir sagen lassen) oder wie das allererste Mal – vong Sexualität her also. Kein Plan also.

Wenn man als überzeugter Buddhist nicht gerade von eigens gemachten Erfahrungen als Elternteil aus einem vorherigen Leben zehren kann – ob nun als Kuh oder Homo Sapiens, völlig egal – kommt bei vielen werdenden Eltern dank der ausgeklügelten Evolution innerhalb des vorhandenen Hirnschmalzes sofort ein alternativer Fakt zum Vorschein, genauer gesagt eine alternative Erfahrung. Ganz automatisch. Nämlich das Erinnern an die eigene Kindheit und die damalig passiv genossene Erziehung. Ick fand meine janz okay:

Ich bin gebürtiger Ossi. Sprich: Anderes politisches, anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem genossen als das eines gebürtigen – sagen wir – Kölners, damals in den sehr frühen 80er Jahren. Mal abgesehen von so unterschiedlichen wie auch irritierenden „Alltagsgebräuchen“ wie Pionierhalstuch und Fahnenappellen auf der einen (meiner Seite), oder Kölsch-Kränzen und Bananen auf der anderen Seite – Kindererziehung war vermutlich gar nicht mal so verschieden im geteilten Deutschland. Man könnte an dieser Stelle vermutlich eine ganze Litanei an Regeln, Ratschlägen und Hinweisen, die man als Knirps irgendwo mal aufgeschnappt hat, vorbeten. Zwei Aussagen allerdings sind mir im Nachhinein aus meiner Kindheit und Jugend besonders in Erinnerung geblieben:

„Umgang formt den Menschen.“

Und wem jetzt noch vor Langeweile noch nicht der Schlaf-Sabber aus der Gusche läuft, dem sei gern noch folgender geistreicher Erguss hinterhergeschmissen:

„Der Ton macht die Musik.“

Wohl jeder jenseits des dreistelligen IQ-Äquators Gesegnete, hat diese Sätze mindestens einmal von seinen Eltern, Großeltern, Lehrern, katholischen Geistlichen oder generell aus der Fraktion der zumeist älteren Generation Überlebender irgendeines Weltkrieges gehört. Doch was bedeuten mir, als Fast-Digital Native, als jemand, der Kindererziehung heute in-App und ohne Buch und Großmutter auswendig lernen könnte, beide Aussagen im Hinblick auf die Entwicklung und Erziehung meiner eigenen Kinder?

Umgang formt den Menschen, nur wie?

Kurz noch etwas zu meiner bemitleidenswerten Person. Bevor sich nachher alle entrüsten, „wie kann er nur so verallgemeinern mit seinen Aussagen, was erlaubt der sich eigentlich so zu tun als hätte er den Topf der DDR-Weisheiten mit Schöpfkellen geleert, obwohl damals keine zehn Lenze alt.“ Ich sage mal so, dank einer abwechslungsreichen Vita:

Zu Zeiten und innerhalb der DDR-Grenzen geboren, stellvertretender Gruppenratssprecher, zweiter und dritter Sieger mehrerer Mathematik-Olympiaden meines Landkreises, beidhändig Tischtennis gespielt, dazu als römisch-katholischer Gotteskrieger im Rang eines Ober-Ministranten Gott und dem Klerus in der tiefsten Diaspora gedient, später dann als getreuer Wehrdienstleistender die vernichtende Niederlage der Bundeswehr gegenüber Fortschritt, Innovation und Logik fast ein Jahr lang mitbegleitet, lange bevor IS mehr als „Sein“ bedeutete, später zum Akademiker erwachsen, kosmopolitisch in Betriebswirtschaftslehre ausgebildet, sogar mit Diplom, zu einer Zeit als es den Bachelor weder in Hochschulen noch im Privatfernsehen (wenn es doch um Himmels Willen im Privaten geblieben wäre) gab. Und dann ein bissel Karriere in der Internetwerbung und mit all den Dingen gemacht, die man als stinknormaler Internet-User so gar nicht mitbekommt, außer wenn man auf so doofe, bunte Werbung klickt. TKPs, Klick-Raten. Erwähnte ich schon ROAS, Pressemitteilungen und B2B Newsletter?! Jetzt Oberhaupt einer fünfköpfigen Familie. Darunter Zwillinge. Unerwartet. Unbelesen. Unkaputtbar. Undenkbar. Manche wachsen mit und an ihren Aufgaben.

Daraus ableitend, wage ich also zu behaupten, dass ich einige Thesen aufstellen kann, bei denen ich mit der Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung, gemeinhin als Bürger bekannt, in wesentlichen Punkten inhaltlich übereinstimme. Und so schwer ist das natürlich auch gar nicht:

Ich bin der Meinung, dass das Zusammenleben, die Lebensumstände und generell die Interaktion mit anderen in so ziemlich jeder zwischenmenschlichen Beziehung auch immer Einfluss auf die eigene charakterliche Entwicklung bzw. auf bestimmte charakterliche Züge und Ausprägungen hat. Aber welche besonderen Umstände führen zu welchen Charakteren? Als Neu-Vater sind mir damals zwei arme Seelen aus der Glotze (teilweise nach 20 Jahren als Revival) wieder in Erinnerung gekommen:

Who the fuck is Feuerwehrmann Sam?!

Bei dreijährigen Jungen hat die Zeichentrickfigur Feuerwehrmann Sam im Schnitt einen höheren Bekanntheitsgrad als der des eigenen Großvaters oder gar als der eigene Wurmfortsatz. Definitiv! Aber Sam ist nur die Randfigur in diesem Spiel. Was zum Teufel muss hingegen bei Norman Price, dem ewig zündelnden, besserwisserischeren Rotschopf mit Streberbrille aus Pontypandy, in ganz junger Kindheit falsch gelaufen sein, dass er so eine Nervensäge werden konnte und nun gefühlt jeden Tag seine Heimatstadt abfackelt, unter Wasser setzt oder einfach nur zerstört – natürlich immer unabsichtlich. Sicher, dem Rotzbengel hätte ich als Feuerwehrmann Sam schon lange mal ein paar deftige Takte erzählt oder gar den Hintern versohlt. Aber wie konnte Norman nur zu dem Nervtöter werden, der er geworden ist?! Liegt es womöglich daran, dass in gefühlt 5.000 Folgen kein einziges Mal von Normans Dad die Rede ist und er vaterlos aufgewachsen ist? Was kann aus dem Jungen schon werden, so ganz ohne die harte Hand des Vaters, der dich mit Fernseh- und Fußballverbot bestraft, wenn du Mist baust und der dich andererseits auf Händen trägt, wenn du ihn zum stolzesten Individuum der Galaxie machst – auch wenn du nur das allererste Mal allein einen feinen, aber kräftigen Strahl ins Sitzporzellan getätigt hast. Vielleicht fehlte ihm der Vater tatsächlich, möglich, aber nicht bewiesen. Es gibt sicherlich auch Mütter, die beide Elternrollen ausfüllen können – wobei das mit dem Stolz und dem Strahl schon eine ziemlich paparesque Eigenschaft ist.

Ein Wickingerjunge startet durch

Oder – völlig konträr zu Norman Price – nehmen wir den kleinen Wikingerjungen Wicky – obwohl böse Zungen ja nach wie vor behaupten, dass ER doch eine SIE sei. Pipihahn dran oder Pipihahn ab, wie auch immer – wie nachhaltig positiv kann sich der Charakter und das Wesen eines laufenden Meters wie Wicky entwickeln, wenn er als einzige Leuchte inmitten eines Haufens ungewaschener, rammdösiger und kloppegeiler Wikinger-Krieger aufwächst. Die zudem daheim alle unter dem Pantoffel ihrer Frauen stehen. Dass der arme Junge als einzige leuchtende Kerze auf dem Kuchen nicht spätestens mit 15 Jahren schwerstem Narzissmus samt Ödipus-Komplex erliegt, grenzt unter diesen Umständen fast an ein Wunder. Stattdessen ist er doch nur der kleine Wicky, sie schauen alle zu ihm auf, bewundern ihn für seinen Grips und seine Schlagfertigkeit. Zu schön um wahr zu sein, oder?

Zwei Schritte vor, und einer zurück

Letztlich sind beide Figuren völlig unterschiedliche Charaktere mit völlig unterschiedlichem erzieherischem Background. Aber letztlich scheinen beide weder auf den Kopf bzw. ihren Mund gefallen zu sein. So what?! Also doch alles richtig gemacht, liebe Pontypandy’er und Wikinger!

Aber was ziehe ich nun daraus für Schlüsse für die Erziehung meiner Kinder? Lieber auf die sanfte, mütterliche Art oder doch die rohe mit viel Testosteron? Es gibt kein Entweder-Oder. Denn egal, was und wie man es auch macht, man macht es eh immer falsch. Zumindest beim ersten Versuch. Und meist auch beim Zweiten. Oh man, wieviele Hunderte Male habe ich inzwischen schon „bis drei zählen müssen“!

Ja, ist denn heut schon Prägung?

Ein kluger Mann hat mir mal vorhergesagt, dass ich meine Zwillinge allein schon aufgrund meiner bloßen immerwährenden Anwesenheit in den ersten beiden Lebensjahren prägen werde. Inzwischen habe ich diese Worte verinnerlicht und kann sie nachvollziehen. Prägung ist gleich Erziehung, aber ohne das elterliche „Wollen“ – nein, es passiert einfach.

Das Eltern-Werden ist zugegebenermaßen ein relativ leicht zu erreichendes Lebensziel, wenn man ab und an mal vorher üben konnte und beide Elternteile halbwegs im Saft stehen. Das Eltern-Sein dagegen lässt dich nicht selten verzweifeln, es fordert einen immerwährenden Tribut, den du auch als Vater erbringen musst und auch solltest. Ärger, Ungeduld, Wut, Enttäuschung, Schmerz, Trauer, Unvermögen – nur einige der Gefühle, die einen anfangs öfter als gedacht begleiten auf dem harten und steinigen Weg zu dem zahnpastaweiß-grinsenden Vater im Anzug und nagelneuen Kombi, der wegen der Kinder schon um eins Feierabend macht, den dir die Werbung als der „Alles-unter-einen-Hut-bringende-Godfather-of-Dads“ verkaufen will. Echt jetzt? Wieviele Väter bauen denn tatsächlich den 2-Meter-Lenkdrachen, der größer ist als alle anderen in deiner Stadt, oder die Seifenkiste, die mit 60 Sachen und dem Sohnemann die Straßen runtersaust (mit Helm selbstverständlich) oder gehen mit der Prinzessinnen-Tochter zum Kaffeekränzchen der Schwestern-Gemeinschaft in der Nachbarschaft? Mal ganz ehrlich? Diese vielbesagte Quality Time, ein Unwort in meinen Augen, dass die Pixel nicht wert ist, auf denen es hier geschrieben steht, weil es so niederträchtig verniedlicht, worauf es meiner Ansicht nach beim Elternsein (nicht nur beim Vatersein) tatsächlich ankommt:

Wie oft war ICH es nämlich auch, der die Kinder von der gefühlt zentnerschweren Last der vollen Windel befreit habe, der den gern mal blut-wunden Popo in desinfizierenden Cremes und Salben gebadet hat, bis kein Stück Haut mehr zu sehen war, wie wie oft habe ich Heinz Rühmanns La-le-lu verunglimpft, in dem ich in Unkenntnis einer zweiten Strophe zehn Minuten lang ein Zwei-Zeilen-Medley zum Besten gegeben habe? Oder die abertausend Tränchen, die ich mit T-Shirt, Wange, Ohr, Taschentuch oder einem einfachen Lächeln trocknen konnte, morgens, mittags, abends und oft auch mitten in der Nacht, wenn die Mama schlafen musste!

Umgang formt den Charakter der Kinder, ja. Aber vor allem den eigenen! Im Umgang mit meinen Kindern entdeck(t)e ich Emotionen, Gefühle und ganz viele Dinge über mich selbst, die über drei Jahrzehnte lang in mir verborgen waren. Mein Appell daher insbesondere an alle (werdenden) Väter: Nehmt euch mehr Zeit für eure Kinder, gerade auch in den schwierigen Momenten des Kindseins, nicht nur für die Highlights – weg von der Quality hin zur Quantity Time sozusagen – eure Kinder werden es euch danken. Irgendwann.

Source Image: https://www.freestock.com/free-photos/boy-screaming-arms-open-isolated-white-105635438

 

Veröffentlicht von

rabaukenpapa

Stolzer Dreifach-Papa und CFO (Chief Family Officer), weil gesegnet mit Thronfolger und Zwillings-Prinzessinnen. Vor dem Papa-Job ein Jahrzehnt in der Kommunikation und Werbung tätig, dabei erinnerte Vieles oft an Kindergarten, den ich jetzt 24/7 real zuhause habe.

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